Wildblumenwiese – bunt, naturnah, kompliziert

magerwiese_hansbraxmeier

„Rasen, das sind Gräser, die keinen Sex haben dürfen.“ Ich weiß nicht mehr, wo ich dieses Zitat gelesen habe, doch es unterstreicht ein wenig meine Abneigung – oder sagen wir eher Skepsis – gegenüber fantasielos gestalteten Gärten, deren Stauden oder Sträucher sich um eine Rasenfläche gruppieren, die im Sommer einmal pro Woche mit dem Rasenmäher gezüchtigt wird. Die Fortgeschrittenen unter den Rasenfetischisten verbringen nach der Züchtigung mit der Maschine noch weitere zahllose Stunden ihrer Lebenszeit auf Knien, um alles, ja auch alles zu tilgen, was sich zwischen den Grashalmen als vermeintliches Unkraut eingeschlichen hat. Nicht hier, nicht im Neustadtgarten! Hier sollen Gräser Sex haben dürfen!

Verpackung_Wildblumenwiese_neu

Eine Wildblumenwiese zwischen den Obstbäumen, das ist es,  was ich mir vorstelle. Pflegeleicht soll sie sein, denn sie wird nur zweimal pro Jahr gemäht.

Soweit der Wunsch und die Theorie. Je länger ich mich in die weitläufige Lektüre zum Anlegen einer Wildblumenwiese vertiefe, desto unsicherer werde ich.Es gibt so viele Regeln, Hindernisse und Vorgaben:

Regel 1

Mindestens 100 qm soll man für eine Wildblumenwiese reservieren. – Die habe ich einfach nicht.

Regel 2

Eine Wildblumenwiese funktioniert nur, wenn der Boden extrem mager ist. – Aber ich will sie zwischen die Obstbäume säen und dort haben wir natürlich schubkarrenweise edlen Mutterboden ausgebreitet. Die Obstbäume sollen ja gute Startbedingungen haben.

Regel 3

Eine Wildblumenwiese ist in den ersten zwei Jahren extrem pflegeaufwändig und nur wenn man konsequent unerwünschte Pflanzen entfernt, erreicht man das erwünschte Ergebnis. – Gut, damit kann ich leben, obwohl ich mir nicht sicher bin, ob ich als blutige Neugärtnerin in der Lage sein werde, gewolltes Grün vom ungewollten zu unterscheiden.

Doch so schnell gebe ich nicht auf. Ich konfrontiere Google mit meinen Realitäten, also fetter Boden und wenig Platz und irgendwann finde ich tatsächlich einen Ausweg. Es gibt auch sogenannte Fettwiesen. Das sind Mischungen, auf denen Wildblumen gedeihen, die humusreichen Boden vertragen. Denn der Grundkonflikt einer Wildblumenwiese besteht darin, dass Wildblumen sehr zarte Geschöpfe sind, die sich leicht von Gräsern verdrängen lassen. Sobald der Boden zu viele Nährstoffe enthält, breiten sich die Gräser aus, denn diese lieben Dünger, während die Wildblumen schrittweise verschwinden. Je magerer der Boden, desto günstiger die Bedingungen für die Blumen und ungünstiger für die Gräser.

Parallel dazu finde ich aber noch die Seite einer Gärtnerei in Süddeutschland. Diese tröstet mich ein wenig, indem sie auch Wildblumenwiesen schon auf 50 qm eine Chance einräumt und dazu hat sie noch eigens entwickelte Samenmischungen im Programm. Eine hat es mir sofort besonders angetan, eine Mischung,  die verspricht eine Wildblumenwiese auf ALLEN Böden für überwiegend sonnige Standorte möglich zu machen. Und dazu folgende Worte: „Diese Mischung wurde vom Referat Landespflege der Sächsischen Landesanstalt für Landwirtschaft in Dresden-Pillnitz getestet und mit „sehr empfehlenswert“ ausgezeichnet!“
Die sollte es sein! 35 qm pro Packung stand im Internet, also müsste vorerst eine Packung reichen. Drin sollten 31 mehrjährige heimische Wiesenblumen, 5 einjährige Wildkräuter und 3 mehrjährige, schwachwüchsige Gräser sein.

Samentüte_Wildblumen

Als ich das Tütchen dann tatsächlich in den Händen halte, bin ich ein wenig erschrocken. So wenig Samen sollen für 35 qm reichen? Dazu  brauche ich momentan nur zwei Drittel der Menge, denn die erste Bodenfläche ist kaum größer als 20 qm. Also verlasse ich mich auf einen Tipp, den ich in einem meiner zahlreichen Gartenbücher gelesen habe. Ich vermische die Samen mit Sand und streue das Sandgemisch auf meinen vorher präparierten Boden. Zwei Wochen lang habe ich dort jedes Grün akribisch entfernt, denn die besten Startbedingungen  gibt es für Wildblumenmischungen auf unkrautfreien Böden. Das steht auch so in der Aussaat-Anweisung. Nun ja, auf Regel Nummer 3 habe ich mich ja freiwillig eingelassen!

Boden_mit_Netz_neu

Und so sieht es am Ende aus. Vom Samen ist kaum etwas zu sehen. Doch damit das, was ich nicht sehen kann, nicht von den Vögeln weggepickt wird, spanne ich zur Sicherheit mit einer recht abenteuerlichen Konstruktion ein Schutznetz über die zukünftige Wildblumenwiese.  Und nun heißt es Warten und Hoffen! Und zwischen Warten und Hoffen wird gründlich gewässert, denn Samen brauchen nicht nur Licht und Wärme zum Keimen, sondern auch Feuchtigkeit.

 

 

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