Wie attraktiv ist eine Stadt ohne Grün?

Quelle: flickr Foto von Serge Bystro
Quelle: flickr Foto von Serge Bystro

Was macht eine Stadt attraktiv? Warum fühlen wir uns sofort wohl in Rom, Paris, New York oder Amsterdam, fremdeln aber mit Städten wie Frankfurt am Main, Peking oder Wuppertal? Wir erkennen sofort, wenn eine Stadt häßlich ist, können aber oft nicht formulieren, warum.

Leider gilt: oft sind es alte, historisch gewachsene Städte, die attraktiv sind – jüngere Städte eher nicht. Leider sage ich, weil ich eine große Verfechterin moderner Architektur bin und ungern Wasser auf die Mühlen derjenigen gieße, die jede Architektur nach 1945 ablehnen. Liegt es an moderner Architektur per se? Oder liegt es am modernen Städtebau? Ist uns ein Gefühl für attraktive Stadtstrukturen abhanden gekommen? Was scheinbar Bauchgefühle sind und subjektives Erleben, folgt einer inneren Logik. Denn auch Schönheit unterliegt Prinzipien. Diese Prinzipien beschreibt Alain de Botton in seinem Video „How to make an attractive city “, welches ich durch Zufall eines Tages im Netz finde. (Am Ende des Posts ist das Video in voller Länge zu sehen.)

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Alain de Botton ist ein Schweizer, der in London lebt und von dort aus eine Art philosophisches Kolleg betreibt, seine Schule des Lebens (school of life) – Bücher, Vorträge, einen Weblog und eben auch kleine Animationsfilme macht.

Ich habe Alain gefragt, ob ich seinen Film in meinem Blog verlinken und darf und noch am selben Tag kam seine Antwort: „Of course, feel free to embed the video.“ Danke, Alain!

In einem sechs-Punkte-Manifest beschreibt er die Kriterien für attraktiven Städtebau und erklärt, warum kaum jemand auf die Idee käme, in Städten wie Birmingham, Detroit, Frankfurt am Main oder Eisenhüttenstadt Urlaub zu machen.

Quelle:flickr.StephanieKroos
Quelle:flickr.StephanieKroos

Warum ich darüber in einem Gartenblog schreibe? Ich bin immer noch verwundert, dass für die Attraktivität einer Stadt offenbar ihr Grünanteil völlig unerheblich ist. Egal, ob es Bäume, Parks, Wiesen, Blumen, Gräser sind. Jedenfalls findet dieser Aspekt bei Alain de Botton überhaupt keine Beachtung. Woran liegt das? Ist es einfach der tote Betrachtungswinkel städteplanerischer Ideen? Oder hat der Schweizer aus London einfach recht und es ist völlig egal, ob es viel oder wenig Grün in einer Stadt gibt? Jedenfalls was die Attraktivität anbelangt? Ich habe immer noch keine richtige Antwort auf diese Fragen gefunden. Mein Gärtnerinnenherz hat sicherlich eine Antwort. Doch die ist heftig subjektiv gefärbt. Und es stimmt ja – kleine südfranzösische Städtchen, Venedig oder auch Florenz – das sind fast baumlose Orte und doch sind sie attraktiv. Seltsam.

Rom

Ordnung und Abwechslung

Eine Stadt braucht Ordnung – also so etwas, wie eine Struktur, ein städtebauliches Leitbild. Genau das fehlt Städten wie dem modernen Peking,  Wuppertal oder Seoul.

Doch eine Stadt braucht ebensogut Abwechslung. Kleine Häuser, große Häuser, schmale Wohngassen und offene Plätze, breite Strassen, schmale Strassen – immer wenn es zu uniform wird, breitet sich schnell Langeweile aus. Eine Stadt pulsiert durch ihre Varietäten, die auch dem Leben in der Stadt einen unterschiedlichen Rhythmus vorgeben.

Irgendwann habe ich mal in einem Interview mit einem Architekten den Gedanken aufgeschnappt, dass weltweit die Stadtviertel, am attraktivsten zum Wohnen sind, in denen kleinere Handwerksbetriebe und Geschäfte, zwischen den Wohnungen existieren. Reine Wohngebiete sind schnell langweilig. Reine Industriegebiete schnell unmenschlich.

Quelle: flickr Foto von Hernán Pinera
Quelle: flickr Foto von Hernán Pinera

Öffentliches Leben

Das Geschäftszentrum einer Metropole nach Büroschluss? Leere. Die Strassen der Siedlung in der Vorstadt? Leere.

Eine attraktive Stadt braucht öffentliches Leben auf Strassen und Plätzen. Strassenmusikanten, Obststände, Cafés und Kinos – ja und auch Nachbarn, die abends gemeinsam auf der Strasse sitzen und Schachspielen, Häkeln oder gemeinsam Tee trinken.

Quelle: flickr Foto von Alexander Steinhoff
Quelle: flickr Foto von Alexander Steinhoff

Verdichtung

Jetzt wird es interessant! Verdichtung schafft Attraktivität? Ja, Verdichtung schafft Attraktivität. Alain de Botton führt das Beispiel kleiner Gassen an, in denen Wohnungen oft so dicht gedrängt gebaut sind, dass fremde Menschen nur wenige Meter voneinander entfernt wohnen, sich gar auch gegenseitig in ihre Wohnzimmer und Küchen blicken können. Schrecklich, mag man zunächst denken. Doch Alain de Botton argumentiert quasi rückwärts durch die Brust: Wenn Menschen so nah beieinander wohnen, dass man weiß, wann sie frühstücken, wann die Kinder Hausaufgaben machen, wann der Nachbar sich auf ein Nickerchen aufs Sofa zurück zieht, dann schafft diese Nähe auch Verbundenheit und Verbundenheit schafft Achtung oder Rücksichtnahme. Und ist es nicht so viel aufregender, das Leben quasi vor dem Fenster, vor der Haustür zu erleben, als durch trostlose Vororte zu zu fahren, in denen ein Eigenheim ans andere gereiht ist? Oft speist sich die Tristesse solcher Vorortsiedlungen aus ihrer menschenleeren Einheitlichkeit, in der vielleicht Orientierung, aber null Geheimnis gibt. Und die Mischung zwischen Orientierung und Geheimnis ist ein weiterer Punkt in der Attraktivitätsskala.

Quelle: flickr Foto von Sean MacEntee
Quelle: flickr Foto von Sean MacEntee

Orientierung und Geheimnis

Einerseits möchte ich wissen, wo ich entlang gehe, was mich erwartet, aber ich möchte nicht ALLES wissen. Enge Gassen zum Beispiel machen neugierig und wenn sie dann noch gewunden sind und wenn ich das Ende nicht sehe, bergen sie ein Geheimnis. Dieses Geheimnis ist stimulierend. Es regt unsere Phantasie an. Enden sie dann plötzlich auf einem großen Platz, bin ich wiederum überrascht. Dieser Platz aber wiederum schafft eine neues Moment der Orientierung.

So und jetzt endlich das Video!

Comments

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